Tantra ist ein Begriff aus dem Sanskrit und hat wie die Sprache seine Wurzeln im alten Indien. Es bedeutet wörtlich Gewebe, Kontinuum, Zusammenhang. Gemeint ist: Alles ist Eins. Alles ist von der einen höheren Wirklichkeit durchdrungen, die alles erschaffen hat. Somit gibt es nichts, was nichts Göttlich wäre. Das Gefühl, ein getrenntes Individuum zu sein erzeugt Leiden, die Erfahrung der Einheit wird Erleuchtung genannt. Wo die grossen Schriftreligionen die Heimkehr zu Gott im Jenseits angesiedelt haben und dieses Ziel durch Disziplin, Entsagung und Befolgen von Regeln als zu erreichen galt, sind die Tantriker einen ganz und gar lebensbejahenden Weg gegangen: kein Aspekt menschlicher Erfahrung wird verneint. EIN Aspekt des Tantra ist das Arbeiten mit der sexuellen Energie: nicht als Selbstzweck, sondern um diese machtvolle Energie in den Dienst der eigenen Entwicklung zu stellen!

Über den Ursprung und die Bedeutung von »Tantra« gehen die Meinungen auseinander. Im Westen hat es wohl deshalb verhältnismäßig starke Verbreitung gefunden, weil es an ein Grundbedürfnis unserer materiell gesättigten Zeit rührt; die Synthese von Bewusstheit, Natürlichkeit und Sexualität. Meiner Auffassung nach liegen die Ursprünge mehrere tausend Jahre zurück und sind verknüpft mit einer respektvolleren Auffassung über die Rolle der Frau als Quelle und Behüterin des Lebens. Gedankengut und der Sexualität an sich.

 

Was sich heute im Tantra findet, ist auch in den meisten spirituellen und schamanischen Praktiken alter Naturvölker verwurzelt. Die ersten Aufzeichnungen dieses ursprünglichen indischen Heilweges stammen aus dem 5./6. Jahrhunderts und beinhalten Unterweisungen, magische Rituale, Zauberformeln und alchemistische Rezepte. Eine der Quellen erzählt vom Kult um Shiva und Shakti, demzufolge aus deren ekstatischer Vereinigung das Universum jeden Moment neu hervorgeht.

 

Der Weg des Tantra beinhaltet Respekt für alles Lebendige, Bejahung der sexuellen Natur des Menschen und Bewusstheit in jedem Augenblick. Ein Aspekt lehrt, die Sinne zu kultivieren bis zur Fähigkeit, die ganze Bandbreite von Sinnlichkeit und Sexualität zu erkennen und zu nutzen. Triebkräfte und Begierden können nicht gemeistert werden, indem man sie ablehnt oder vermeidet. Nur wenn die vermeintlichen Schattenseiten in all ihrer Tiefe erfahren und erkannt worden sind, können sie transzendiert werden.

 

Das tantrische Konzept lehrt uns, Spaltungen zu überwinden (z.B. »die Heilige – die Hure«), indem wir alle Facetten des Menschseins als Teil des göttlichen Ganzen anerkennen.

 

Ende der sechziger Jahre wuchs zunehmend das Bedürfnis, Tabus (z.B. in Bezug auf Sexualität) zu hinterfragen. Zum anderen stellte sich in den westlichen Zivilisationen mit Erreichen eines materiellen Wohlstands die Sinnfrage neu. Die Wiederbelebung alter Lehren und spiritueller Wege (z.B. Tantrismus und Taoismus) bot eine Plattform, beides miteinander zu verbinden; Spiritualität und Sexualität – Herz und Kopf.

 

Mit dem Begriff Neotantra wird eine seit Ende der 1970er Jahre in Europa und den USA etablierte Richtung bezeichnet, die verschiedene Lehren und Methoden integriert, bei denen Sexualität eine mehr oder minder große Rolle spielt. So propagierte der indische Philosophieprofessor und Vorzeigeguru Osho (Bhagwan Shree Rajneesh) eine zeitgemäße Form dieser Verbindung von Bewusstheit und Sexualität und bereitete alte tantrische Lehren für die westliche Zivilisation auf. Hier fanden parallel dazu Ideen von Wilhelm Reich und weitere Körpertherapieformen wie Meditation und Yoga Verbreitung und fanden in seinem Asram ein breites Experimentierfeld für die Entstehung des Tantra, wie wir es heute verstehen.

 

Seit den späten 70er Jahren und verstärkt auch in den 90er Jahren gründeten sich auch in Deutschland Tantrainstitute – als Initiator sei Andro (Andreas Rothe) erwähnt. Hier werden Seminare für persönliches und spirituelles Wachstum angeboten oder mit therapeutischer Ausrichtung, z.B. bei Partnerschaftskonflikten oder sexuellen Problemen.

 

Weil der Zusammenhang zum traditionellen Tantra mit seinen zahlreichen Facetten oft nicht eindeutig ist, spricht man eher vom „Neotantra“.

 

Joseph Kramer und Annie Sprinkle entwickelten daraus eigenständige Massageformen. Der in Amerika (St. Louis, Missouri) geborene Joe Kramer studierte Mathematik, Philosophie und Theologie und besuchte verschiedene Massageschulen. Er setzte sich für die Rechte von Homosexuellen ein und beschäftigte sich mit Taoismus und Tantra, besonders interessierten ihn auch Akupressur, Rebirthing und das Werk von Wilhelm Reich. 1984 gründete er in Oakland, Kalifornien, die Body Electric School für Massage und 1993 das EroSpirit Research Institute.

 

 

Annie Sprinkle (eigentlich Ellen Steinberg, geboren 1954 in Philadelphia) ist eine in den USA bekannte, etwas schrille Künstlerin, Prostituierte, Fernsehmoderatorin, Herausgeberin und eine Freundin von Joe Kramer. Sie gilt als eine der bekanntesten „Sexpositiv-Feministinnen“, die innerhalb der Frauenbewegung die Auffassung vertreten, dass einvernehmlicher Sex zwischen Erwachsenen in keiner Form reglementiert werden sollte – was sowohl für Männer als auch für Frauen gilt. In Annie Sprinkles Yonimassage flossen außerdem auch Einflüsse aus Bioenergetik und Sexualtherapie mit ein.

 

 

Forscher fanden Mitte des vorigen Jahrhunderts heraus (siehe Wilhelm Reich u.a.), dass unverarbeitete Erfahrungen als Muskelspannungen im Körper gespeichert bleiben und uns hindern können, natürliche und schmerzfreie Körperhaltungen zu entwickeln, frei zu atmen und damit den Körper mit Sauerstoff zu versorgen, Gefühle bewusster wahrzunehmen – kurzum gesund zu bleiben.

 

Kramer und Sprinkle kamen zu dem Schluss, dass auch das Gewebe der Genitalien Speicherplatz ist für Traumen und Verletzungen ist, so dass diese Massageform als „Genitale Heilungsmassage“ bezeichnet wird. Des Weiteren haben auch die Genitalbereiche des Mannes und der Frau Reflexzonen, ähnlich wie bei Füßen, Händen oder Ohren, deren Stimulierung über ein Netzwerk von Energiebahnen eine magisch anmutende »Fernwirkung« auf den gesamten Organismus zur Folge hat.

 

Ein weiterer Aspekt dient dazu, das Spektrum sexuellen Erlebens zu erweitern.

Die Massage lockert die Beckenbodenmuskeln, was zu mehr Beweglichkeit beim Liebesspiel führt. Du kannst sich ganz dem Fühlen hingeben, ohne Leistungsdruck und ohne Erwartungen erfüllen zu müssen. Durch die kunstvolle Abfolge bestimmter Griffe und Streichungen, die beim Geschlechtsverkehr so nicht möglich sind, erfährst du höchste Wonnen und eine tiefe Lust.

 

Wenn jemand mit diesen Gefühlen angenommen wird, schafft das eine innige Verbindung zur eigenen Seele und auch zur gebenden Partnerin/zum Partner. Dies erweitert wiederum das Spektrum für das spirituelle Erleben im Tantra.

 

Eins zu sein mit sich selbst, geliebt, geehrt und verbunden zu sein öffnet das Tor zum „Göttlichen“.