Immer mehr Patienten verklagen ihren Arzt

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Häufiger als früher orten Patienten einen Behandlungsfehler durch den Arzt. Nicht alle Ärzte sind gleichermassen konfrontiert. Je invasiver der Eingriff, desto höher das Risiko des Vorwurfs.

von Karen Schärer von der Aasgauer Zeitung

 

Haftpflichtklagen gegen Ärzte nehmen zu.

Dies sagt Brida von Castelberg, die bis Ende Oktober 2012 Chefärztin der Frauenklinik am Zürcher Triemlispital war. Eine zentrale Meldestelle für haftpflichtrechtliche Auseinandersetzungen zwischen Medizinern und Patienten gibt es nicht. So verfügen weder der Bund, noch die Schweizerische Ärztegesellschaft FMH, noch der Schweizerische Versicherungsverband über Statistiken zu den Berufshaftpflichtfällen der letzten Jahre. Die Versicherer selbst geben keine konkreten Zahlen heraus. Doch auf Anfrage heisst es zum Beispiel bei der Mobiliar-Versicherung: «Wir stellen eine steigende Tendenz von Fällen fest, in denen Patientinnen und Patienten rechtlich gegen einen Arzt vorgehen.» Von einem «leicht steigenden Trend» spricht man bei Allianz Suisse.

 

Meist aussergerichtliche Einigung

 

Eine erste Anlaufstelle für Patienten, die Rat suchen, ist etwa die Stiftung SPO Patientenschutz. Hier melden sich rund 1000 Menschen im Jahr, die glauben, bei ihnen liege ein Behandlungsfehler vor. «Diese Zahl ist hoch; sie ist in den letzten Jahren stark gewachsen», sagt Präsidentin Margrit Kessler. Eine höhere Zahl an Ratsuchenden bedeute jedoch nicht, dass es effektiv mehr ärztliche Fehler gebe: «Heute lassen sich Patienten nicht mehr alles bieten. Sie nehmen eine erfolglose Operation nicht als Schicksalsschlag hin, sondern klären ab.»

 

In zwei Dritteln der Fälle ergeben Abklärungen durch die SPO Patientenschutz, dass kein ärztlicher Fehler vorliegt, sondern dass es sich beim Fall um Komplikationen oder um Kommunikationsprobleme handelt. 98 Prozent der Fälle, die weiterverfolgt werden, können aussergerichtlich geregelt werden, sagt Kessler.

 

Nicht alle Ärzte sind gleichermassen mit haftrechtlichen Auseinandersetzungen konfrontiert: «Je invasiver ein Arzt arbeitet, desto höher ist das Risiko, mit dem Vorwurf einer unsorgfältigen Behandlung konfrontiert zu werden», sagt Ursina Pally, stellvertretende Leiterin des Rechtsdiensts bei der FMH. Chirurgen und Gynäkologen sind damit eher von einem Haftpflichtfall betroffen als Allgemeinmediziner. Bei der Zürich-Versicherung beobachtet man auch eine Zunahme von Haftpflichtansprüchen bei den Zahnärzten.

 

Hohe Versicherungsprämien

 

Während an Spitälern praktizierende Ärztinnen und Ärzte über ihren Arbeitgeber versichert sind, müssen frei praktizierende Ärzte eigene Berufshaftpflichtversicherungen abschliessen – und dafür je nach Tätigkeitsgebiet tief in die Tasche greifen. Laut Rudolfus Burkard, Leiter der fmCh Versicherungen AG, müssen Gynäkologinnen und Gynäkologen, die sich über die Kollektivversicherung der invasiv tätigen Ärzte versichern, rund 8500 Franken im Jahr bezahlen. Bei einer anderen Versicherung kann die Prämie bis 15 000 Franken betragen.

 

Noch teurer ist die Versicherung für plastische Chirurgen: Bis zu 30 000 Franken müssen sie für die Jahresprämie aufwenden. Nicht bei jeder Versicherung sind die Schönheitschirurgen allerdings überhaupt willkommen: Diverse Versicherer bieten ihnen keine Berufshaftpflichtversicherung an. «Patienten müssen die Schönheitsoperation selbst berappen. Dadurch sind sie auch klagefreudiger», erklärt Burkard.

 

Für den Versicherungsspezialisten steht fest: «Die Forderungen haben zugenommen. Nicht nur in der Anzahl, sondern auch in der Höhe.» Dabei kämen die Forderungen längst nicht nur von Patientinnen und Patienten, sagt Burkard. So wehren sich zum Beispiel Krankenkassen dagegen, eine Zweitoperation zu bezahlen, und fordern die Gelder von der Haftpflichtversicherung des Arztes ein. Oder Sozialversicherer wie AHV/IV oder BVG machen dies bei Rentenzahlungen, weil sie die Invalidität respektive den Todesfall als ärztlichen Fehler ansehen. «Alle schauen zu ihrem Geld», sagt Burkard nüchtern.

 

Mögliche Klage im Gebärsaal dabei

 

Für die invasiv tätigen Ärztinnen und Ärzte bedeutet dies grösseren Druck. Gynäkologin Brida von Castelberg nennt ein Beispiel aus dem Gebärsaal: «Dass die Herztöne des Babys bei einer Wehe abfallen, ist normal. Früher war man da viel grosszügiger und hat das beobachtet. Heute aber fällt man bei abfallenden Herztönen rascher den Entscheid, die Geburt mittels Kaiserschnitt zu beenden.» Denn die konstante Aufzeichnung der Herztöne während der Geburt könnte bei einer Klage als Dokument verwendet werden, um einen ärztlichen Fehler zu beweisen. «Im Gebärsaal werden heute häufig Entscheidungen mit einem kleinen Hintergedanken an mögliche Klagen gefällt», sagt von Castelberg.