Hebamme zu sein ist kein Kinderspiel

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Etwa 800 Hebammen gibt es in Berlin. Der Job ist eine Berufung – doch die Bedingungen sind hart.

von Judith Jenner vom Tagesspiegel

Alltag einer Hebamme in Berlin

Zora Gallenberger hat sieben Hausbesuche hinter sich, als der erste Teil ihres Arbeitstags endet und sie ihre Kinder aus der Kita und dem Hort abholt. Als freiberufliche Hebamme betreut sie Frauen während der Schwangerschaft und direkt nach der Entbindung. Außerdem gibt sie Kurse zur Geburtsvorbereitung und zur Rückbildung und baut momentan eine Gruppe für überwiegend minderjährige Schwangere auf. Schon als Teenager fand sie den Hebammenberuf interessant. Wirklich „gefunkt“ hat es dann, als sie mit 21 Jahren ihre Tochter bekam. „Als ich sie das erste Mal im Arm hielt, wusste ich, dass ich Eltern in dieser wichtigen Zeit begleiten will“, sagt sie. Etwa 800 Hebammen und Hebammenschülerinnen gibt es in Berlin. Ein Teil ist selbständig, ein anderer fest angestellt, vor allem in Kliniken, aber auch in Beratungsstellen. Susanna Rinne-Wolf, erste Vorsitzende des Berliner Hebammenverbandes, sagt: „Es ist ein sehr belohnender Beruf, der viel mit Berufung zu tun hat.“ Sie empfindet es als Privileg, eine Familie beim Wachsen zu begleiten.

Es ist ein anstrengender Job geworden

Doch der Beruf hat auch seine schwierigen Seiten, etwa die Dauerrufbereitschaft bei freiberuflichen Hebammen. So gäbe es kaum ein freies Wochenende. Ein größeres Problem, auf das ihr Verband seit Langem hinweist, ist die schlechte Vergütung. Anfang Februar wurde in den festgefahrenen Verhandlungen zwischen Hebammen und Krankenkassen ein Schiedsspruch gefällt. Die Bezüge sollen um zehn Prozent angehoben werden. Das liegt weit unter den Forderungen der Hebammen. Nach wie vor sind die hohen Prämien für die Berufshaftpflichtversicherung freiberuflicher Hebammen ein Problem. Zahlten Hebammen Anfang der Neunziger Jahre noch knapp 180 Euro im Jahr, liegt die Prämie heute bei 4250 Euro. Nach der neuen Gebührenordnung verdient eine Beleghebamme aber nur 273 Euro brutto für einen elfstündigen Einsatz bei einer Geburt in der Klinik.

Anzahl an Hebammen sinkt – Kosten steigen

Beleghebammen haben einen Vertrag mit dem Krankenhaus und betreuen die Frau während der Schwangerschaft und unter der Geburt im Krankenhaus. Weil die Versicherungsprämien so hoch sind und noch steigen werden, geben immer mehr Hebammen die Betreuung von Geburten auf. Auch Zora Gallenberger, die nach ihrer Ausbildung als freiberufliche Hebamme in einem Geburtshaus arbeitete, hilft nicht mehr bei Entbindungen. „Ich finde das sehr schade“, sagt sie. „Aber es rentiert sich einfach nicht.“ Auch auf die Auszubildendenzahlen hat diese Entwicklung Einfluss. So bewarben sich 2012 „nur“ 600 Interessentinnen auf die circa 20 Plätze an der Hebammenschule im Vivantes Klinikum Neukölln. „Das sind immer noch sehr viele, aber in den Jahren davor war die Zahl doppelt so hoch“, sagt Ulrich Söding, Leiter des Instituts für berufliche Bildung im Gesundheitswesen bei Vivantes. Das liege zum einen am Geburtenknick, zum anderen aber auch an den schwierigen Arbeitsbedingungen, vermutet er.

Ausbildung zur Hebamme

Voraussetzung für einen Ausbildungsplatz ist laut Ulrich Söding die Fachhochschulreife oder das Abitur. Bewerberinnen mit einem schlechteren Abschluss seien dem Pensum der dreijährigen Ausbildung oft nicht gewachsen. „Um eine gute Hebamme zu sein, sollte man Empathie, emotionale Stabilität, Belastbarkeit und eine große Leidenschaft für den Beruf mitbringen“, sagt Julia Schleissing, Lehrerin an der Hebammenschule Neukölln. Die Ausbildung gliedert sich in Blöcke. Darin wird zu etwa einem Drittel Theorie- und zu zwei Dritteln Praxiswissen vermittelt. „Gelehrt wird zum Beispiel Anatomie, Chemie, Physik, Pädiatrie, Hebammenfähigkeiten, was in Notfällen zu tun ist, aber auch Psychologie, Ethik und Trauerarbeit“, sagt Julia Schleissing. Auch Unterricht in Betriebswirtschaftslehre und Arbeitsorganisation gehört zum Programm. Männliche Azubis gibt es nicht. Bundesweit schätzt Ulrich Söding, dass nur etwa drei oder vier Männer die Ausbildung zum Entbindungspfleger gemacht haben. In verschiedenen Städten wird inzwischen ein Hebammenstudium angeboten (siehe Kasten).

Akademisierung der Hebamme

Der Deutsche Hebammenverband strebt eine hundertprozentige Akademisierung des Berufs an. „Das ist wichtig, damit wir weiter ‚mitspielen’ dürfen“, sagt Susanna Rinne-Wolf. Ihr Berufsstand müsse eigene Forschung betreiben, um nicht ausschließlich von der Medizin abhängig zu sein. Das würde sich auch positiv auf das Ansehen der Hebammen auswirken. „Einige Ärzte sind der Meinung, dass wir nach drei Jahren Ausbildung keine außerklinischen Geburten betreuen sollten“, sagt sie. „Dabei schreibt das Hebammengesetz vor, dass eine Hebamme bei der Geburt anwesend sein muss, nicht aber ein Arzt.“ Er werde nur bei Problemen hinzugezogen. Im Gegensatz zu Krankenschwestern und Pflegern sind Hebammen nicht weisungsgebunden, sondern arbeiten selbständig. Auch Sylke Otte, leitende Hebamme im Tempelhofer St. Joseph Krankenhaus, begrüßt die Akademisierung ihres Berufes. Das katholische Krankenhaus beteiligt sich am Aufbau eines Hebammen-Studiengangs in Berlin. Als Arbeitsplatz ist die Entbindungsstation der als babyfreundlich zertifizierten Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe bei Hebammen beliebt, über einen Mangel an Bewerberinnen kann sich Otte nicht beklagen. „Nach der Ausbildung wollen viele Hebammen zumindest für einige Jahre fest in einem Krankenhaus arbeiten, um Berufserfahrung zu sammeln“, sagt Sylke Otte. Wie auch bei den freiberuflichen Hebammen gehöre neben der Begleitung von Geburten sowohl die Vor- als auch die Nachsorge zu den Aufgaben der angestellten Hebammen. 26 Planstellen für Hebammen gibt es im St. Joseph Krankenhaus. Um die zahlreichen Entbindungen in dem Kreißsaal mit sieben Geburtsräumen optimal zu betreuen, wäre Otte ein besserer Betreuungsschlüssel lieber, als ihn das aktuelle Finanzierungssystem für Krankenhäuser ermöglicht: „Je intensiver wir eine werdende Mutter betreuen können, desto positiver wird sie die Geburt in Erinnerung behalten und desto besser startet die Familie ins Leben. Um dem hohen Anspruch an die Qualität unserer Arbeit gerecht zu werden, wären einige zusätzliche Kolleginnen im Kreißsaal eine große Unterstützung.“

Inanspruchnahme der Hebammen sind aus Kostengründen viel zu kurz

Abends um acht beginnt für Zora Gallenberger der zweite Teil ihres Arbeitstages. Bei einer Schwangeren behandelt sie Rückenbeschwerden mit einer Fußreflexzonenmassage. Dann hat sie ein Gespräch mit einer Mutter, die ihr sechs Monate altes Baby an Brei-Nahrung gewöhnen will. Bis zum Ende der Stillzeit bezahlen die Krankenkassen. „Ich denke, vielen Frauen würde es helfen, wenn sie sich darüber hinaus noch mit Fragen an ihre Hebamme wenden könnten“, sagt Zora Gallenberger und fährt zur nächsten Schwangeren.