Wer gehört denn alles zum „Gesundheitsmarkt“?

Seit der ersten Amputation an einem Neandertaler vor mehr als 50.000 Jahren
und der Verleihung des Nobelpreises an Paul C. Lauterbur für seine Entdeckung
in Bezug auf die Abbildung des menschlichen Körpers mithilfe von Magnetreso-
nanz im Jahre 2003 hat sich die Welt der Heilkunde beträchtlich verändert. Über
die Jahrhunderte hinweg haben sich konventionelle und alternative Heilberufe
immer mal wieder angenähert, doch über lange Zeiträume auch schonungslos
bekämpft. Um sich dem Begriff „Gesundheitsmarkt“ etwas systematischer an –
zu nähern, versuchen wir zu nächst, etwas Ordnung in die Vielfalt zu bringen:

Konventionelle Gesundheitsberufe

Zu diesen zählen etablierte Heilberufe wie Arzt, Apotheker, Tierarzt, Zahnarzt,
Heilpraktiker, Heilpraktiker für Psychotherapie, Hebamme, Krankenschwester,
Physiotherapeut, Krankengymnast, Podologe, Psychologischer Psychotherapeut,
Ergotherapeut, Logopäde etc.

Alternativ-gesundheitsfördernde Berufe

Gesundheitsfördernde Berufe auf dem freien Markt sorgen dafür, dass die
menschlichen Bedürfnisse im Bereich alternativ-gesundheitlichen Denkens
und Handelns individuell erfüllt werden können.

Die unterschiedlichsten Segmente können dabei unterteilt werden in:

Traditionelle Medizin/Komplementärmedizin/Alternativmedizin

Zur traditionellen Medizin zählt die WHO (World Health Organisation – die Weltgesundheitsorganisation) unter anderem

  • die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM),
  • das indische Ayurveda,
  • das arabische Unani sowie
  • die „Ethnomedizin“.

Die Begriffe umfassen dabei sowohl Arzneitherapien mit Kräutern und Bestandteilen von Tieren oder Mineralien als auch Akupunktur sowie manuelle und spirituelle Behandlungen.

Moderne Industrieländer, die diese Art der Behandlungen kaum kennen, bezeichnen diese Art der Therapien als „komplementär“, „alternativ“ oder auch „unkonventionell“.

Dabei charakterisiert man „Komplementärmedizin“ eher als ergänzendes oder vorbeugendes Verfahren zur Diagnose oder Behandlung. Der Begriff „Alternativmedizin“ weist auf eine Alternative zur Schulmedizin hin.

Die Komplementärmedizin erlebt in den vergangenen Jahren einen regelrechten Boom. Umfragen aus Österreich, der Schweiz und den USA belegen das wachsende Interesse der Menschen an ganzheitlichen Behandlungen. In Deutschland wird bereits ein Drittel der Gesamtausgaben für medizinische Diagnose und Therapie im komplementärmedizinischen Bereich erwirtschaftet. Die Gründe? Neben der Neugier wird immer wieder die Desillusionierung hinsichtlich schulmedizinischer Erfolge genannt. Die Verunsicherung vieler Menschen aufgrund von Umweltproblemen, Gefahr von Krieg und Terror und schwindender religiöser Sicherheit lässt immer mehr von ihnen in komplementärmedizinischen Methoden Halt und Sicherheit suchen. Das holistische Weltbild traditioneller Heilkunde, das Leib und Seele als Einheit auffasst, findet stetig neue Anhänger. Diese Ganzheitsmedizin fokussiert nicht einzelne Krankheitssymptome, sondern den kranken Menschen an sich und entspricht damit traditionellen, erfahrungsgestützten Heilsystemen, wie jenen der Traditionellen Chinesischen Medizin oder des Ayurveda sowie verschiedener pflanzen- und naturheilkundlicher Verfahren.

Berufsbilder im Spannungsfeld zwischen Therapie, Seelenheilkunde und Beratungsdienstleistungen mit Gesundheitsbezug

„Wer heilt, hat recht.“ Die Debatte um die Wirksamkeit der komplementär- und alternativmedizinischen Methoden ist so alt wie die Schulmedizin selbst. Andererseits ist die ökonomische Bedeutung der Komplementär- und Alternativmedizin in den vergangenen Jahren enorm gestiegen. Etwa zwei Drittel aller Deutschen wenden pro Jahr mindestens eine komplementäre oder alternative Therapie an – die Vielfalt der Methoden scheint unerschöpflich. Im Folgenden seien einige Berufsbilder aufgezählt:

Synergetik Creatives Coaching Rückführungstherapie
Edu-Kinesthetik Divinatorische Systeme wie Orakel,Kartenlegen Heilende Duftstofftherapie
Feldenkrais Arbeit am Tonfeld Edelsteintherapie
Shiatsu Philosophische Beratung Farblichttherapie
Zilgrei wie Yoga,Qigong, Tai-Chi Alexandermethode Osteopathie
Beratende Astrologie Channeling NLP
Psychologische Beratung Chakrenarbeit Reflexzonentherapie Hypnotherapie
Schamanische Rituale Geführte Imaginationen Therapeutisches Zeichnen und Malen
Systemisches Coaching Ernährungstherapien Reittherapie
Lerntherapie Trauertherapie Musiktherapie
Familienstellen Atemtherapie Kreative Gerontotherapie
Psychodrama Begleitung bei Altersdemenz, Altersdepression etc. Sterbebegleitung
Wellnessbehandlungen wie Hot-Stone-Massagen Therapie für allergische Erkrankungen Ausleitende Verfahren
Bachblütentherapie Bioresonanztherapie Chiropraktik
Blutegeltherapie Craniosakrale Therapie Dorn-/Breuß-Wirbelsäulentherapie
Entspannungstherapie Fußreflexzonentherapie Kinderheilpraktik
Kinesiologie Neuraltherapie Phytotherapie
Reiki Schmerztherapie Weight Coaching
Well-Aging-Training Aura-Soma-Beratung Burn-out-Beratung
Personality Coaching Feng Shui Gestalttherapie
Heilhypnose Klangtherapie Körperorientierte Psychotherapie
Kommunikationstrainer Meditationsleitung Natur- und Erlebnispädagogik
Progressive Muskelentspannung Spirituelle Lebensberatung Suchttherapie
Systemische Beratung Voice Dialog Facilitator Mediator
Autogenes Training Gesundheits- und Präventionsberatung Kräuterstempelmassage
Lomi-Lomi-Nui-Massage Heilberater

 

Mit dieser Fülle von Angeboten hat sich auch die Rechtsordnung – nachdem sie das Thema sehr lange ignoriert hatte – seit den 90er-Jahren immer wieder auseinandergesetzt. Heute kennt man aus rechtlicher Sicht eine zwar auch rudimentäre, aber doch vorhandene Katalogisierung dieser Berufsvielfalt.

Wenn das Gesetz oder das Urteil höherer Gerichte von den sogenannten besonderen Therapieformen spricht, so sind damit „Klassiker“ wie die Homöopathie, die Akupunktur, die anthroposophische Medizin und diverse Ernährungslehren der Traditionellen Chinesischen Medizin gemeint. Spricht man in der Rechtsordnung von einer sogenannten Außenseitermethode, so ist damit jede Methode gemeint, die noch nicht erreicht hat, dass sie in den medizinischen Standard eingegangen ist und weitverbreitet ist. Eine Außenseitermethode muss nicht zwingend naturheilkundlich sein. Es gibt auch schulmedizinische Außenseitermethoden. Spricht man in einem Urteil oder Gesetz jedoch von den geistigen Heilweisen, so sind darunter alle Beratungsdienstleistungen der Energiemedizin subsumiert. Das Bundesverfassungsgericht hat hier im Jahre 2005 die berühmte Geistheilerentscheidung beschlossen, aus der sich im Kern ergibt, dass geistige Heilweisen ohne eine Heilpraktikererlaubnis ausgeübt werden dürfen.

Beschwerdeführer in diesem Fall war ein klassischer Gesundbeter, weshalb sich in der Folgezeit rechtliche Schwierigkeiten daraus ergaben, welche Formen der Energiearbeit nun noch darunter fallen sollten.

Als Nächstes gibt es aus rechtlicher Hinsicht noch den Begriff der medizinisch notwendigen Heilbehandlung, für den es unerheblich ist, ob eine Methode schulmedizinisch oder naturheilkundlich ist, sie muss nur Erfolg versprechend sein.

Aus dieser Kategorisierung kann man schon die Bedürfnisse der Rechtsordnung ablesen, wie man denn nun eine Existenzgründung im Bereich der Naturheilkunde und ihrer Nebengebiete verorten möchte. Es geht zum einen um die Haftung für Fehler, zum anderen um Fragen, ob denn ein Verfahren von den privaten oder gesetzlichen Krankenkassen erstattet werden kann. Weiterhin geht es darum, für ein Angebot die sogenannte Volksgesundheit zu schützen, also diejenigen Anbieter zu reglementieren, deren Angebote möglicherweise spekulativ sind, etwas flapsig ausgedrückt: als Hokuspokus gelten können (dies ist nicht die Meinung der Verfasserinnen).

In ständiger Rechtsprechung haben sich also die Gerichte mit der Abgrenzung zwischen seriösen Gesundheitsangeboten und Scharlatanerie beschäftigt. Dies klingt zwar etwas heftig für einen Existenzgründungsleitfaden, muss dennoch hier besprochen werden, schon allein um die Frage zu klären, ob der Gründer überhaupt mit seinem Angebot loslegen darf oder erst Zeit und Mühe auf einen „Heilpraktikerschein“ verwenden muss. Hier sind bei der Fülle der Methoden die Abgrenzungen fließend. Im Folgenden möchten wir daher die Abgrenzung zwischen Heilkunde und Nichtheilkunde darstellen:

Eine Grenze zu den Heilberufen lässt sich leider immer noch nicht trennscharf ziehen. Es gibt derzeit weiterhin eine wechselvolle und uneinheitliche Rechtsprechung. Es lassen sich jedoch zwei Trends ausmachen, zum einen die sogenannte Eindruckstheorie und zum anderen ist Heilkunde alles, was invasiv und gefährlich ist.

 

Die Eindruckstheorie besagt: Die Heilkunde ist das, was Verbraucher dafür halten und sich damit identifizieren. Ein Klient fühlt sich sozusagen als Behandelter. Er würde dann sagen: „Das war eine gute Behandlung. Ich bin im Moment sogar beschwerdefrei.“ Er sagt dann eben nicht: „Ich habe viel gelernt für mich und meine Lebensführung.“ Für die Praxis bedeutet dies: Wenn ein Angebot gemacht wird, ist von der Formulierung bis hin zum gesamten Umfeld auf alles zu achten. So zum Beispiel bei den Räumen: Je klinischer und neutraler die Raumgestaltung, umso mehr wird eine Behandlung, eine Arztpraxis assoziiert. Oder denken Sie an die Bekleidung: Je mehr die Bekleidung als nüchtern erscheint – womöglich wird weiße Berufskleidung getragen –, umso mehr denkt ein Kunde an eine Behandlungssituation beim Arzt oder in der Klinik. Dies ließe sich weiterführen in anderen Bereichen wie Dekoration oder Logowahl etc. Ebenfalls kann der Eindruck einer Behandlung entstehen, je mehr etwas passiv durchgeführt wird. Oder je mehr Übungen zum Beispiel verordnet werden – in guter Absicht –, umso mehr erscheint es als Behandlung. Kurz zusammengefasst: Je mehr invasive Manipulationen am Bewegungsapparat stattfinden, desto eher handelt es sich nach dieser Auffassung um eine Behandlung. Ganz klar zu unterscheiden sind jedoch Hilfskorrekturen auf sanfte Weise, wie Yogalehrende sie bei Asanas geben: Anleitungen zu Übungen der besseren Körperwahrnehmung oder Energiearbeit.

Dafür gibt es vier Merkmale:

  • Die Methode erfordert medizinisches Fachwissen,
  • die Methode manipuliert den Bewegungsapparat,
  • es handelt sich um ein Eindringen unter die Haut oder in den Körper, und
  • in der Methode selbst liegen die Nebenwirkungen und Gefahren.

Zum Beispiel: Eine Akkupunkturnadel ist spitz, also besteht Verletzungsgefahr, die Nadel könnte nicht desinfiziert sein, somit besteht Infektionsgefahr.

Wenn nun eine Methode an der Grenze liegt, welche Idee bzw. Möglichkeit ohne Heilpraktikerschein würde denn funktionieren?

Wichtig ist, dass bei einem Angebot Kundenbelehrungen (s. unter „Honorarver­einbarung“) durchgeführt werden, in deren Verlauf deutlich gemacht wird, dass dies ohne Heilpraktiker/Heilen geschieht. Und nochmals: Im Falle der Haftung (siehe unter Kapitel „Haftungsrecht“) kann auch diese deutlich dokumentierte Aussage keinen rechtlichen Schutz bieten.

Kundenbelehrungen sind durchaus sehr empfehlenswert für nicht invasive, the­rapeutisch ausgerichtete Tätigkeiten. Zum Beispiel: Man „diagnostiziert“ den Energiezustand der Meridiane und empfiehlt dann gezielte Übungen. Mündlich erklärt, dienen die Übungen der Prävention einer gesunden Lebensführung. Am besten lässt man sich dies zusätzlich schriftlich mittels Unterschrift bestätigen. Hilfreiche Formulierung: „Diese … kann Arzt und Heilpraktiker nicht ersetzen. Die empfohlenen Übungen/Methoden dienen der Selbsterfahrung, der persön­lichen Weiterentwicklung und der gesunden Lebensführung.“

Natürlich ist es möglich, Übungen und Beratungen für bestimmte Zielgruppen anzubieten, ohne einen Heilpraktikerschein zu besitzen. Zum Beispiel Yoga für Senioren: Hier sind alterstypische körperliche Schwierigkeiten zu beachten, und es sollen seniorenspezifische Übungen dem Alter gerecht angeboten werden, was auch dokumentiert sein sollte.

Mischformen konventioneller/alternativer Heilmethoden

Die Grenzen zwischen alternativen und konventionellen Heilberufen weichen zunehmend auf. So bieten immer mehr Allgemeinmediziner etwa Akupunktur oder die Traditionelle Chinesische Medizin an, HNO-Praxen arbeiten kinesiolo-gisch, selbst Volkshochschulkurse bieten NLP und Entspannungstherapien als Ausbildungen an.

Gerade diese Berufsgruppe muss besonders darauf achten, wie sie sich auf dem Markt positioniert: als Arzt oder als Naturheilkundler. Hier gibt es viele Anbieter mit Doppelqualifikation, also z. B. Physiotherapeuten, die Heilpraktiker sind; Ärzte, die sich auch mit geistigen Heilweisen betätigen, und anderes mehr Ein seriöser Geschäftsauftritt beinhaltet – auch aus Haftungsgründen – hier nicht nur eine standesgemäße Webseite (auch in rechtlicher Hinsicht), sondern ebenso eine sinnvolle Vertragsgestaltung gegenüber dem Kunden. Diese Berufsgruppen müssen ganz besonders auf eine Honorarvereinbarung achten, damit nicht deren Kunden irgendwann einmal die Zahlung verweigern, weil eine Krankenkasse die Leistung nicht bezahlt hat und die Behandlung im Übrigen wertlos gewesen sei (auch dies sind Fälle aus dem Kanzleialltag der Verfasse­rinnen). Wir werden daher im Verlauf dieses Leitfadens einige Vertragsgestal­tungsarten besprechen. Für Mischberufe gibt es seit Neuestem auch das Pro­blem, dass nicht alle Leistungen, die in einem gemischten Unternehmen angeboten werden, umsatzsteuerbefreit sind. In diesem Zusammenhang werden wir daher auch auf das Steuerrecht näher eingehen.

Alternative Heilberufe im Umfeld zwischen Tier und Mensch

Auch hier gibt es eine Vielzahl von Berufsgruppen, die über die „Mitarbeit“ von Tieren in der Therapie oder bei der Beratung ein Geschäftsfeld entwickelt haben. Für die Ergotherapie ist die tiergestützte Form sogar Leistungsbestand­teil der gesetzlichen Krankenkassen, wenn hier Pferde und Hunde eingesetzt werden.

Hier gibt es viele Dienstleistungsmöglichkeiten – sowohl in der Behandlung von Tieren als auch im Umgang zwischen Mensch und Tier:

  • Tierheilpraktiker
  • Ernährungsberater für Tiere
  • Hundetrainer und -verhaltensberater
  • Naturheilkundliche Tierheilpraxis
  • Tierakupunktur
  • Tierhomöopathie
  • Tierphysiotherapie
  • Tierosteopathie
  • Tierpsychologie usw.

 

Auch hier gilt es rechtliche Rahmenbedingungen zu beachten, wenn man Mensch und Tier gleichzeitig behandelt oder in eine therapeutische Interaktion bringt. Beispielsweise sind dies:

  • Hygienevorschriften,
  • der Erwerb besonderer Erlaubnisse, z. B. den Therapiehundeführerschein mit Ausbildung des Hundes, nicht nur zum Personenbegleithund, sondern zum Therapiebegleithund,
  • die Nutzung geeigneter Räumlichkeiten (denn die tiergestützte Therapie darf ebenso wenig wie die sonstige Heilkunde im Umherziehen ausgeübt werden) sowie
  • besondere Hinweispflichten an die Klienten, beispielsweise für Allergiker, Phobiker und andere schutzwürdige Personengruppen.

Alles in allem sind unter dem Begriff „Gesundheitsmarkt“ unglaublich facetten- ; reiche unternehmerische Möglichkeiten gegeben.

Und wenn Sie sich als Unternehmer richtig gut auf Ihr Vorhaben vorbereiten, dann haben Sie eine reelle Chance, auf der Gesundheitswelle mitzusurfen.

UNSER TIPP

Die ersten wichtigen Fragen, die Sie sich als potenzieller Firmengründer stellen müssen, sind:

  • „Welche Gründerpersönlichkeit bin ich?“
  • „Welche Qualifikationen muss ich denn mitbringen, um mich erfolgreich auf dem Gesundheitsmarkt zu positionieren?“
  • „Welche Unternehmerfähigkeiten fehlen mir? Welche muss ich mir noch aneignen?“
  • „Welche Unterstützung, welche Hindernisse bietet mein Um feld?“
  • „Welche Geldquellen stehen mir in der Anfangsphase zur Verfügung?“